Deutsche Einwanderung während der Zeit der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Rio de Janeiro mehr als zwanzig deutsche Unternehmen. Deutsche Siedlungen gab es jedoch noch nicht in Brasilien. Die Anwesenheit von Deutschen beschränkte sich auf den Handel in urbanen Zentren, ohne Einflussnahme der portugiesischen Regierung, oder auf Reisende, Naturforscher und Künstler. Das änderte sich 1808 mit der Ankunft des portugiesischen Königs Dom João VI in Rio de Janeiro. Mit der Unterzeichnung des Bündnis- und Freundschaftsabkommens verpflichtete sich João gegenüber England zur allmählichen Abkehr vom Sklavenhandel bis hin zu dessen Verbot. Kurze Zeit später legte der portugiesische König in einem Brief an den österreichischen Kaiser Franz I, Schwiegervater des Prinzen Dom Pedro (des zukünftigen Kaisers Dom Pedro I), seine Absicht dar, die Herkunft von Arbeitskräften in Brasilien zu ändern. Er hatte beschlossen „die schwarzen Sklaven durch weiße Siedler zu ersetzen“. Mit der Forderung von außen nach Abschaffung der Sklaverei und der Notwendigkeit, kleine landwirtschaftliche Betriebe und handwerkliche Produktion zu fördern, entstand der Plan einer Einwanderung von deutsch(sprachig)en Siedler.

Leopoldine von Habsburg (1797-1826), Kaiserin von Brasilien. Joseph Kreutzinger, Kunsthistorisches Museum, Wien.

Im Mai 1808 schaffte Dom João VI die Voraussetzungen für die Ankunft Schweizer Familien in Brasilien. Während der darauffolgenden zwei Jahre wurden durch Vermittlung von dem Freiburger Regierungsagenten Sébastien-Nicolat Gachet mehr als 2000 teilweise deutschsprachige Schweizer in den bergigen Regionen von Rio de Janeiro angesiedelt. Es entstand die Kolonie Nova Friburgo, ein erster offizieller Versuch, eine landwirtschaftliche Kolonie mit Europäer nicht-portugiesischer Herkunft zu errichten. Die ersten deutschen Siedlungsgebiete entstanden jedoch im Süden Bahias. Es handelte sich um von der portugiesischen Regierung autorisierte, aber durch deutsche Naturforscher ins Leben gerufene Privatinitiativen. 1816 errichteten Peter Weyll und sein Partner Adolf Saueracker am linken Ufer des Cachoeira-Flusses nahe der Stadt Ilhéus die Kolonie São Jorge dos Ilhéus. Im darauffolgenden Jahr gründete Georg Wilhelm Freyreiss gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von deutschen Wissenschaftler, Forscher und Unternehmer eine kleine „deutsch-schweizerische Kolonie“ nahe dem heutigen Nova Viçosa, 900 Kilometer südlich von Salvador. Die Kolonie wurde „Leopoldina“ getauft, zu Ehren der zukünftigen brasilianischen Kaiserin Leopoldina von Habsburg, der Ehefrau von Dom Pedro I. Obwohl diese Siedlungsversuche durchaus gelungen waren, erhielten sie keine dauerhafte Unterstützung durch Investor und Regierung.


Leopoldina, Bahia. Bosset de Luz 1820-40. Pinacoteca do E. de São Paulo.

1822 veranlasste José Bonifácio de Andrada e Silva, der dem Ministerium für Innere und Auswärtige Angelegenheiten vorstand, die Ankunft von Siedler, die die Sklaven als Arbeitskräfte ersetzen und Soldaten für eine Garantie der Unabhängigkeit Brasiliens stellen sollten. Im August desselben Jahres schickte er den mit Leopoldina befreundeten Bayern Georg Anton von Schaeffer in geheimer Mission nach Europa. Er sollte die wichtigsten deutschen Herrschaftshäuser aufsuchen und dazu bewegen, so schnell wie möglich Siedler und vor allem Soldaten für den Unabhängigkeitskrieg nach Brasilien zu entsenden. Schaeffer brach eine Woche vor Erklärung der brasilianischen Unabhängigkeit (am 7. September 1822) nach Europa auf.

Der Vorschlag, der den Deutschen unterbreitet wurde, war attraktiv. Denen, die den Kriegen, der Überbevölkerung und der Armut in Europa entkommen wollten, bot Schaeffer 77 Hektar Land, Steuerbefreiung für zehn Jahre, Zuchttiere und Saatgut sowie weitere Zuwendungen an. Das waren Dimensionen, die den deutschen Standard weit überschritten. In Deutschland besaßen nur zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung Ländereien, die über zehn Hektar hinausgingen. „Hier erhält man ein Stück Land, dessen Größe in Deutschland der einer Grafschaft entspricht“, schrieb ein nach Brasilien ausgewanderter Siedler 1827 an seine Familie. Für die Soldaten wurde die Überfahrt von der brasilianischen Regierung bezahlt, wenn sie sich verpflichteten, vier Jahre lang Wehrdienst zu leisten. Es wurden vier ausländische Bataillone mit Deutschen gebildet: zwei mit Grenadieren (zum Schutz des Hofes und der kaiserlichen Familie) und zwei mit Feldjägern (die im Süden und Nordosten des Landes dienten).

Im Januar 1824 lief das Schiff Argus im Hafen von Rio de Janeiro mit etwas mehr als 280 Personen ein. Es war das erste Schiff mit Deutschen “im Dienst des brasilianischen Kaiserreichs“. Die Soldaten blieben zum Militärdienst in der Hauptstadt, während die Siedler vorübergehend in die Schweizer Kolonie Nova Friburgo geschickt wurden. Die Region, die für die nachfolgenden Auswander ausgewählt wurde, liegt im Vale do Rio dos Sinos, in der Nähe von Porto Alegre, in Rio Grande do Sul. Dort gab es eine Sklaven-Plantage namens Feitoria do Linho Cânhamo, in der Seile für die Marine hergestellt wurden. Ein Teil der bestehenden Struktur wurde genutzt, um die ersten Siedler zu empfangen. Das geschah am 25. Juli 1824.

São Leopoldo, 25. Juli 1824. Ernst Zeuner, Museu Histórico Visconde de São Leopoldo.

Die Idee der Einwanderung und Kolonisierung in Brasilien beruhte auf der Notwendigkeit, eine neue Mittelschicht von Weißen und Kleinbesitzer zu schaffen. Diese sollte eine gemischte Landwirtschaft und das Handwerk entwickeln, Grenzgebiete besiedeln und wichtige Städte versorgen. Dieser Aufgabe kam São Leopoldo in Rio Grande do Sul wesentlich besser nach als Nova Friburgo oder irgendeines der vorherigen Siedlungsprojekte. Aus diesem Grund verortet man heute in São Leopoldo die Wiege der deutschen Kolonisation in Brasilien, auch wenn es sich nicht wirklich um die erste deutsche Siedlung handelte.

Die Anwerbung von Deutschen durch Brasilien wurde auch nach dem Rücktritt José Bonifácios aus dem Ministerium fortgesetzt. Aber mit dem Aufkommen einer starken politischen Opposition gegen die Immigration, speziell gegen die von Soldaten, musste Schaeffer 1828 nach Brasilien zurückkommen. In dem Jahr hatte ein Aufstand von deutschen und irischen Soldaten in Rio de Janeiro dazu geführt, dass die brasilianische Regierung das von José Bonifácio initiierte Einwanderungsprojekt nicht länger unterstützte. Im Folgejahr wurde mit der Demobilisierung der Soldaten begonnen, die im Kaiserlichen Heer gedient hatten. Der Druck auf Dom Pedro I erhöhte sich weiter, bis er im Dezember 1830 ein Gesetz unterschrieb, mit dem die Ausgaben für die Einwanderung von Söldnern, Siedler und Handwerker gekürzt wurden.

Nach Gründung von São Leopoldo entstanden als Folge des 1822 begonnenen Einwanderungsprojekts die neuen Siedlungen Três Forquilhas (1826, ebenfalls Rio Grande do Sul), Santo Amaro und Itapecerica (1827 und 1828, São Paulo), São Pedro de Alcântara (1829, Santa Catarina) und Rio Negro (1829, Paraná). Bis 1830 wanderten um die 10.000 Deutsche in Brasilien ein. Die Hälfte von diesen waren Evangelisch (vor allem Lutheraner), was neu in dem bis dahin traditionell katholischen Land war.

1834 erlaubte eine Verfassungsänderung, dass die Provinzregierungen und nicht mehr die Zentralregierung die Einwanderung und Errichtung von Siedlungen selbst regeln konnten. Während noch in der ersten Regierungszeit (1822-1831) die Immigration geopolitisch motiviert war, waren nach dieser Zeit wirtschaftliche Beweggründe vorherrschend, sowohl im Interesse der Provinzen als auch von Privatpersonen. In den 1840er Jahren wurden die brasilianischen Einwanderungs- und Besiedlungsbestrebungen wieder aufgenommen, und neue Siedlungskerne entstanden. Zu den wichtigsten gehörten Petrópolis (Rio de Janeiro), Santa Isabel und Leopoldina (Espírito Santo), Blumenau und Dona Francisca (Santa Catarina) sowie Santa Cruz do Sul, Santo Ângelo und São Lourenco do Sul (Rio Grande do Sul). Allein in Rio Grande do Sul wurden bis 1922 140 Kolonien errichtet.

Trotz der Schwierigkeiten und der wechselnden Einwanderungsbestimmungen in Brasilien im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen weiterhin Deutsche ins Land. Auf unterschiedliche Weise gelangten bis in die 1970er Jahre mehr als 255.000 Einwander aus Gebieten, die das heutige Deutschland bilden, nach Brasilien. Abgesehen von ihren Beiträgen zur Entwicklung der Landwirtschaft und der industriellen Produktion spielten deutsche Einwander in Brasilien eine wichtige Rolle im Prozess der kulturellen Diversifizierung, vor allem in Bezug auf Sprache, Religion, Gastronomie und Architektur.

Rodrigo Trespach ist Historiker, Genealoge und Autor von 16 Büchern und diversen Beiträgen in nationalen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Er ist Mitarbeiter in Forschungsinstitutionen und Universitäten in Europa (Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz) und Brasilien (Instituto Histórico e Geográfico do Rio Grande do Sul).

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